»Es war einmal« – ein Ereignis rund um den Widerstreit von Augenblick und Wiederholung. Einzig und einmalig:
(Einzig) Ein Ereignis, verteilt auf verschiedene Orte, die jeweils nur einzeln erfahren werden konnten, im Umkreis der Akademie der bildenden Künste, Wien: in Parkgaragen und Kinosälen, auf Autofahrten, in Hotelzimmern und Hinterhöfen, Lokalen und Lagern, Plätzen und Wohnungen. Die Teilnehmer wurden jeweils separat zu ihren
Ereignisräumen gebracht.
(Einmalig) Jeder Teilnehmer durfte nur
einmal in einen einzigen
Ereignisraum, das gleichzeitig ablaufende Gesamtgeschehen war damit für den Einzelnen nicht überschaubar.
Das Ereignis begann in einem leer stehenden Raum in der Lehargasse 10 – dem so genannten
Zwischenraum von
»Es war einmal«. Die an der Aktion teilnehmenden
Einzelgänger wurden von hier aus von
Weggefährten jeweils zu einem
Ereignisraum und wieder zurück begleitet. Hier konnten sie sich nach Beendigung des Geschehens über das im
Einzelgang Erlebte austauschen. Zur selben Zeit trafen sich die übrigen an der Aktion Beteiligten im nahe gelegenen
Top Kino, um einander auf die gleiche Weise über das Erlebte zu erzählen bzw. mehr über Ablauf und Zusammenhang der einzelnen
Ereignisräume zu erfahren.
»Es war einmal« (It was once) – an event around the antagonism of moment and repetition. Singly and uniquely: (Singly) One event spread around various locations which could each only be individually experienced, around the Academy of Fine Arts, Vienna: in multi-storey car parks and cinemas, on car journeys, in hotel rooms and courtyards, locales and warehouses, squares and apartments. The participants were each taken separately to their event spaces. (Uniquely) Each participant could only go into one single event space one single time, making it impossible for individuals to have an overview of the total proceedings simultaneously taking place.
The event started at an abandoned place in Lehargasse 10 – the so-called interspace of »Es war einmal«. From here the persons who participated in the solo action were each brought by companions to one event space. After this they all returned to the interspace. When the event was over here they could talk about the impressions they had experienced. At the same time the remaining people who were involved in the action met at the nearby Top Cinema, in order to share in the same way their impressions with the others and find out more about the action and the overall context of the individual event spaces.
Begegnung im Alleingang – Vereinzelung der Rezipienten. »Es war einmal« konnte nur allein, im Einzelgang erlebt werden. Der eingefahrene Mechanismus eines sich dem Schauplatz fern haltenden Zuschauens sollte so infrage gestellt, mehr noch: eine Ahnung gegeben werden von der unüberschaubaren Fülle eines Allein-im-Ereignis-seins. Die auf Deutung ausgerichtete Distanz, die man als ein-Ausstellungsbesucher-unter-vielen bei der Betrachtung eines Kunstwerks zu bewahren vermag, wurde mit der Vereinzelung der Rezipienten entfernt – und so allererst der Weg für eine Begegnung im Ereignis eröffnet. Inmitten des Geschehens verschwand jegliche Aussicht auf ein vermeintlich unbeteiligtes Betrachten von Gegenständen. Solange man sich in einem Ereignisraum aufhielt, konnte man nicht nicht teilnehmen. Das von allen Seiten und in alle Sinne drängende Geschehen ließ dem Beteiligten keine andere Wahl, als sich darauf einzulassen – noch bevor er es verstehen oder interpretieren konnte. Aus den vormaligen Betrachtern und Beobachtern wurde so ein einmaliger Mitwirkender, ein Komplize, ein Akteur.
Solo Encounter – Singling Out of Recipients.
»Es war einmal« could only be experienced alone on a solo trip. Thus the conventional mechanism of a withdrawn watching of a setting should be questioned – but still more: an idea is given of the inexhaustible fullness of being alone-in-occurrences. The distance aiming towards interpretation which one may wish to preserve while looking at an art work as one-exhibition-visitor-among-many is removed with the singling out of the recipients – and so first and foremost the path was opened up for an encounter in the event. In the middle of what was happening any prospect of a supposedly uninvolved view of objects disappeared. As long as one was in an event space, one could not not participate. What was happening from all sides and penetrating all senses left the person involved with no other choice but to engage with it – still before they could understand or interpret it. Who were previously viewers and observers thus became a unique participant, an accomplice, an actor.
Verteilte Entzugserscheinungen – Verweigerung der Übersicht. Jeder Teilnehmer konnte jeweils nur ein einziges Mal in
ein Teilstück der Gesamtinszenierung eintauchen. Dabei war jede Begegnung für jeden Teilnehmer anders und einzigartig. Jeder erfuhr seine Fassung des Geschehens auf eigene, unnachahmliche und intime Weise. Der Anspruch auf Überblick, Vollständigkeit und Verständlichkeit wurde verweigert. Stattdessen ging es um das Zusammenspiel der Unüberschaubarkeit eines Ganzen mit der Öffnung für den Augenblick eines Geschehens.
Dispersed Withdrawal Phenomena – Refusing the Overview.
Each participant could only dip into one part of the whole staging one single time, making each encounter different and unique for each participant. Each person experienced his version of occurrences in his own inimitable and intimate way. The claim for an overview, completeness and comprehensibility was refused. Instead it was about the interplay of the lack of overview of a whole with the opening up for the moment of a happening.
Rundherum geräumt – Aufstellung einer Welt. Der erlebte, umgebende Raum war nicht bloß gleichgültiger, bereits existenter und bestenfalls den Kontext stellender Ausstellungscontainer, sondern Element der Inszenierung. In den Ereignisräumen war nichts nebensächlich, die gesamte raum-zeitliche Umgebung wurde integriert. Man fand sich in einer immersiven Situation wieder, tauchte in sie ein. Das Eintauchen war das Ereignis. Jegliche Neutralität bzw. Vorrang von Zeit und Raum, Besucher und Produzent wurde abgelehnt. Nicht mehr Werke wurden ausgestellt – vielmehr eine Welt aufgestellt.
Placing around – Raising a World.
The experienced surrounding space was not merely indifferent, already existent and at best a context-setting exhibition container, but was an element of the action. There was nothing beside the point in the event spaces, the whole space-time environment was integrated. One found oneself in an immersive situation, plunged into it. The immersion was the event. Any kind of neutrality or predominance of time and space, visitor and producer was refused. No longer were works exhibited – rather a world was raised.
Rahmenbruch und Resonanz – Einmaligkeit des Geschehens. Nach einer halben Stunde war die Aktion vorüber. Es gab keine Möglichkeit herauszufinden, was die anderen Teilnehmer erlebt hatten – außer der, sich danach mit ihnen zu unterhalten; wenngleich auch kein einzelner Bericht das Gewesene im Gespräch einzuholen vermochte. Es fanden sich nur Ausschnitte, Bruchstücke, Perspektiven. Stets blieb es bei der unauflösbaren Differenz zwischen Sprache und Ereignis. Dabei ging es weniger um die richtige Interpretation des Erlebten im alles vereinigenden Gesamtzusammenhang; musste man einander erstmal erzählen, wie und was geschehen war, war man auch nicht mehr so rasch bei der Sinndeutung bzw. Bewertung, die überdies durch die ungewohnt hohe persönliche Involviertheit und Unterschiedlichkeit des Erlebten erschwert bzw. problematisiert wurde. Beurteilung findet von einem fixen Standpunkt ausgehend statt. Eben dieser wurde aber entzogen bzw. als immer schon zur Indifferenz verführend abgelehnt. Aus diesem Grund gibt es auch keine Dokumentation des Gesamtgeschehens und der einzelnen Ereignisräume. Zurück bleiben nur jene, die da waren, die Teilnehmer eines einmaligen und unwiederbringlichen Geschehens – und das, was sie zu erzählen haben. Als Einzelgänger nahmen an der Aktion teil: Ute Meta Bauer, Erwin Bohatsch, Gunter Damisch, Peter Dressler, Harun Farocki, Marina Grzinic, Mona Hahn, Bettina Henkel, Matthias Herrmann, Judith Huemer, Katharina Koch, Manfred Pernice, Constanze Ruhm, Stephan Schmidt-Wulffen, Heimo Zobernig und eine Unbekannte. Um mehr über das Gesamtgeschehen und die einzelnen Ereignisräume von »Es war einmal« zu erfahren, gibt es keine andere Möglichkeit als mit diesen Personen direkt Kontakt aufzunehmen.
»Es war einmal« – ein Versuch die auf Werkinterpretation eingeschworenen Sinnsucher wieder zum erlebenden Einzelnen zu machen, im Jetzt und Hier, in der Fülle des Geschehens. Erstarrte Erwartungshaltungen wurden erschüttert – nicht bloß um zu provozieren, sondern um wieder freizulegen, was verschüttet lag: die uneingeschränkte Empfänglichkeit für den Augenblick. »Es war einmal« – eine Öffnung der Sinne, eine Rückkehr des Staunens, eine Intensität des Eintauchens und eine Ekstase des Auftauchens. »Es war einmal« – die Wiederkehr und Neubestimmung des Gesamtkunstwerks, die Vereinigung und Überschreitung von Installation, Environment, Happening, Performance in einem.»Es war einmal« – das Genre der Gegenwart: die arealistische Einzelaktion.
Framebreak and Resonance – Uniqueness of the Happened.
The action lasted for half an hour. There was no opportunity to find out what the other participants had experienced – except by talking to them afterwards; although no single experience on what had taken place could be obtained by means of language. There were only extracts, fragments, perspectives. It always remained at the insoluble difference between language and event. In all this it was less a question of the correct interpretation of what had been experienced in an all-unifying overall context; first one had to tell one another how and what had happened, one also no longer arrived so quickly at interpretation and evaluation, which was moreover made more difficult and raised as a question by the unusually high personal involvement and the different nature of what was experienced. Judgement takes place starting from a fixed standpoint. But it was just this that was removed or refused as always luring towards indifference. For this reason there is also no documentation of the whole event and the individual event spaces. What is left is only the people who were there, the participants in a unique and unrepeatable event – and what they have to tell. The following people took part in the solo action: Ute Meta Bauer, Erwin Bohatsch, Gunter Damisch, Peter Dressler, Harun Farocki, Marina Grzinic, Mona Hahn, Bettina Henkel, Matthias Herrmann, Judith Huemer, Katharina Koch, Manfred Pernice, Constanze Ruhm, Stephan Schmidt-Wulffen, Heimo Zobernig, and an unknown person. To find out more about the total proceedings and individual event spaces of »Es war einmal« there is no other possibility but to contact these people directly.
»Es war einmal« – an attempt to make sworn meaning seekers into an experiencing individual, in the now and here, in the fullness of the happening. Solidified expectations were shattered – not simply to be provocative but to lay free what had been buried: unlimited receptivity for the moment. »Es war einmal« – an opening of the senses, a return of wonderment, an intensity of submergence and an ecstasy of emergence. »Es war einmal« – the return and redefinition of the Gesamtkunstwerk, the combination and transgression of installation, environment, happening and performance in one. »Es war einmal« – the genre of the present: the arealistic solo action.